Killerinstinkt
Stephan Harbort
Bewährtes aus geübter Feder!
Wer Harborts andere Bücher und sein Thema bereits kennt, findet hier eine spannende Vertiefung des Themas Serienmord, aber nichts wirklich Neues, was aus seinen anderen Werken nicht bekannt wäre. Hier schlägt wohl der Serieneffekt zu, man kennt Täter und Ermittler und weiß, was einen hinter der nächsten dunklen Ecke erwartet. Vertieft wird hier explizit die Arbeitsweise von Harbort, die Interviewsituation und die oft mühsame Annäherung an den Täter, von dem er etwas erfahren möchte und dessen Situation er deshalb gerecht werden muss. Eine Gratwanderung, denn umworben wird hier der Täter, und zwar nicht trotz sondern gerade wegen seiner grausamen und wiederholten Taten. Dies ist bisweilen schwer auszuhalten.
Die Falldarstellungen selbst werden in diesem Buch aufgearbeitet in szenenweisen Rückblenden, teilweise unterbrochen durch Aussagen von Ehefrauen und Partnerinnen, die gnadenlos deutlich machen, dass sogar engste Angehörige oft keine Ahnung haben, mit wem sie da tatsächlich jahrelang zusammenleben, dass der Partner noch ein ganz anderes Gesicht hat, das man nicht wahrhaben will und kann und manchmal auch deutlichste Zeichen kategorisch ausblendet um sie nicht wahr werden zu lassen. Vogel-Strauß-Politik: Es ist nicht wahr, was ich nicht sehe. Leider funktioniert sie nicht.
Harbort beschreibt in diesem Buch ausführlich seine aufreibende Arbeit mit den Tätern, Interviews, in denen er versucht, die wirklichen Motive zu ergründen, die den Verbrechen zugrunde liegen. Dies gelingt zwangsläufig nicht immer, scheitert einerseits wohl an der mangelnden Reflektionsfähigkeit der Täter, ihrem Unvermögen, wirklich zu beschreiben, warum sie das taten - andererseits aber auch an Harborts Anspruch, vielleicht eine Antwort zu erwarten oder etwas bestimmtes hören zu wollen, das eher seiner Erfahrung als Kriminalist entspricht als der eingeschränkten Warhnehmung und Erfahrungswelt des Täters. Besonders aufgefallen ist das in der Interviewsituation im Kapitel “Morbus Freitag” und den wiederholten Interviews mit dem Krankenpfleger Thomas Bracht. Hier hatte ich oft das Gefühl, Harbort wollte sich partout nicht zufrieden geben mit dem, was der Mann - durchaus freiwillig und bemüht, seine Taten zu reflektieren - berichtete. Ob sich diese zwei Positionen jemals annähern werden?
Spannend ist es zu erleben, wie mühsam es sein kann, die Spreu vom Weizen zu trennen. Was ist wahr, was berichten die Täter, erzählen sie wissentlich oder unwissentlich etwas Falsches? Oder möchte eben der “Fachmann” etwas ganz bestimmtes hören und lenkt gar das Interview in die von ihm erwartete Richtung?
Das Buch ist wohl weniger zum Einstieg in das Thema Serienmord geeignet und bietet keine bahnbrechenden Neuerungen gegenüber Harborts anderen Büchern, als Vertiefung gerade in Bezug auf Harborts Arbeitsweise ist es dennoch unbedingt lesenswert! ![]()
© Buchbesprechung 2013 Claudia Leweke
Unheil
Warum jeder zum Mörder werden kann
Josef Wilfling
Nach der Lektüre des ersten Buches von Josef Wilfling - Abgründe - nun also die Fortsetzung. Gut so, endlich, denn dieser Mann hat viel zu erzählen.
Es sind auch hier wieder nicht allein die Fälle, es ist die Botschaft, die den Leser mehr als einmal zum nachdenken anregt: Kann wirklich jeder zum Mörder werden? Was muss passieren, damit man diese Grenze des Anstands überschreitet, die jeder selbstredend für sich in Anspruch nimmt, der etwas auf sich hält? Wann kippt die Sache und man wechselt von der Theorie zur Praxis? Grausam, wie schmal diese Grenzlinie scheint, die manchmal auch wie selbstverständlich weggewischt wird oder gar nicht erst existierte.
Während Wilfling sein erstes Buch nach den gängigen Mordmotiven strukturierte, geht er hier nun eher vom Menschen her an die Sache heran. Er schildert die Fälle klar, bedrückend sachlich und schnörkellos und absolut authentisch, denn genau das sind sie auch: Mitten aus seiner langjährigen Praxis als Mordermittler, Fälle, die er selbst aufgeklärt hat, Täter, die er selbst verhörte. Und so gelingt ihm, was in der Presse mit ihren vielen Vermutungen, Gerüchten, Deutungen und Halbinformationen nicht funktioniert: Es wird ein Stück Wirklichkeit deutlich, die wir doch alle so gerne verdrängen und mit der wir am liebsten nur unter der sicheren Bettdecke mit der Nase hinter einem netten Krimi konfrontiert werden möchten. Menschlichkeit mit all ihren Schrecken wird spürbar und die abwertende Distanz, mit der man den Tätern üblicherweise begegnet, bekommt Risse, durch die Verständnis durchscheint. Beängstigend. Also wenn Sie sich beim Lesen dabei ertappen, den einen oder anderen Mörder sehr gut verstehen zu können, hat Wilfling ja vielleicht ein wenig von dem erreicht, was er sich vorgenommen hat. ![]()
Ich kann dieses Buch wärmstens all jenen empfehlen, die Fälle aus der Wirklichkeit lesen wollen, die sich nicht zufrieden geben mit dem, was der Tatort um 20.15 Uhr in 90-Minuten-Portionen kameraoptimiert vorkaut und als Realität verkauft, und all jenen, die sich schon länger fragen, wer eigentlich zu solchen Taten fähig ist, die uns bei der Zeitungslektüre so schockieren.
Und ich hoffe, Wilfling hört nicht so bald auf zu schreiben. Ich will mehr lesen von ihm. Ich habe das Buch an einem Tag durchgelesen, da ich mich dem Sog der Geschichten kaum entziehen konnte. Und nun werde ich es noch ein zweites Mal lesen, in aller Ruhe... ![]()
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© Buchbesprechung 2012 Claudia Leweke
Der Soziopath von nebenan
Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks
Martha Sout
Ein Verriss in aller Kürze
So manchem Leser ist dieses Buch aus dem Kachelmann-Prozess bekannt. Die Frau, die den bekannten Wetterfrosch im März 2010 wegen Vergewaltigung anzeigte, hielt sich dieses Werk während des Prozesses werbewirksam und botschaftheischend vor das Gesicht. Auch eine Art von Aussage, wenn man so will. Sie hätte es besser gelesen, anstatt es sich vor das Gesicht und die Kameras zu halten, dann hätte sie das Eigentor erkannt, das sie damit schoss. Vorab: In diesem Zusammenhang ist mir dieses Buch zwar zum ersten Mal begegnet, mich interessierte allerdings mehr die Thematik des Buches (ich bin immer auf der Suche nach Informationsquellen über von der Norm abweichende Zeitgenossen) als der hochgepuschte Prozess, bei dem es am Ende nur Verlierer gab - einschließlich der Gerechtigkeit. Aber kommen wir zum Thema dieses Blogeintrags, dem Buch, denn ich habe Ihnen einen kurzen Verriss versprochen.
Verlierer kann es auch bei diesem Buch nur geben - die Leser. Wer den recht hohen Preis für dieses Buch bezahlt in der Hoffnung, echtes Hintergrundwissen über Soziopathen zu bekommen, wird schmählich enttäuscht und das Buch bald zuklappen. Ein paar symbolhafte Beispiele von Menschen werden geschildert, die sodann als Soziopathen bezeichnet werden. Die Falldarstellung bleibt allerdings auf Soap-Niveau und recht flach und ist nur an die Wirklichkeit angelehnt, also keine wirklichen Fälle. Allenfalls wird noch hier und da eingestreut, dass es sich um ein erbliches Problem halten könnte (nichts genaues weiß man nicht).
Dafür aber ergießt sich über den Leser sehr viel Gehacke auf die Betroffenen, die ständig als “ohne Gewissen ausgestattet” diffamiert werden, als hätten sie allein dadurch schon ein Kapitalverbrechen begangen und als wäre “Gewissen” ein messbarer und sichtbarer Körperteil. Und besser wäre es vermutlich sowieso, sie dürften sich gar nicht in der kleinen heilen Welt der ja ach so mitfühlenden mit Gewissen ausgestatteten Menschen aufhalten. Ein diffuses “rennt um euer Leben, wenn ihr einem solchen Menschen begegnet” beherrscht das ganze Buch, denn ohne Gewissen ist böse, schlecht und ganz ganz fies. Also Mitgefühl und Verständnis nur für ihresgleichen, nicht für Menschen ohne Gewissen, die sind es nicht wert, praktisch selbst schuld, auf jeden Fall aber schlecht...
Wirkliche Informationen sucht man vergeblich. Jede kurze Internet-Recherche bringt mehr, soviel ist sicher.
Mein Fazit:
Spart euch das Geld, wirkliche Informationen sind nicht enthalten, nur Schuldzuweisungen und Diffamierungen. Da ist wohl jemand sehr böse auf einen Soziopathen, das Buch klingt mir eher nach persönlicher Abrechnung als nach Informationsquelle einer Therapeutin. (!) Man kann nur hoffen, sich niemals hilfesuchend an jemanden zu wenden, der in Wahrheit so über einen denkt und solche Bücher verzapft. ![]()
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© Buchbesprechung 2012 Claudia Leweke
110 Ein Bulle hört zu
Cid Jonas Gutenrath
Dieses Buch entdeckte ich durch puren Zufall, als ich am Bahnhof vor einer Reise aus Langeweile noch etwas stöberte. Der Klappentext machte mich neugierig. Beherzt griff ich zu und trug den Schmöker zur Kasse. “Geschichten mit Sogwirkung: Nah am Leben und mitten ins Herz”, so die Überschrift des Klappentextes auf der Rückseite. “Beim Lesen seiner authentischen Geschichten lacht man Tränen oder es stockt einem der Atem.”
Ich war begeistert, noch ein Buch zum Thema, wie das von Steel, das ich bereits hier vorgestellt hatte.
Vorab ein dickes Lob:
Die Geschichten sind sehr spannend erzählt, eine bunte Ansammlung von Anrufen aus der Berliner Notrufzentrale der Polizei. Manchmal Alltagsgeschäft, oft genug aber persönliche Schicksale, die betroffen machen. Viele Menschen, denen Gutenrath helfen konnte, die er noch erreichte, aber auch Menschen, bei denen das nicht gelang, wie der Frau, die ihren Suizid ankündigte und noch während des Telefonats durch einen Sprung aus dem Fenster umsetzte. Oder die verzweifelte Frau, die während des Gesprächs von ihrem Mann mit einer Axt erschlagen wurde. Das sind sicher die traurigen Highlights. Der Autor, ein eloquenter und mitfühlender Zeitgenosse, schafft es, den Leser nicht nur durch diese Geschichten, sondern auch durch seine verständnisvolle und einfühlende Gesprächsführung bei der Stange zu halten. So bleibt es nicht bei einer willkürlichen Aneinanderreihung von Anekdoten und Geschichtchen, sondern es werden Menschen sichtbar - auf beiden Seiten der Telefonstrippe! - die einander begegnen. Man spürt eine Anteilnahme und ein Einfühlungsvermögen, welche man wohl nicht erwarten würde, wenn man die 110 wählt.
Aber genau hier beginnt ab der zweiten Buchhälfte leider auch der Knackpunkt. Cid Jonas Gutenrath scheint sich ein wenig in der Rolle des Paradiesvogels zu gefallen. Während er im Vorwort noch verspricht “Es geht nicht um mich. Es geht um uns. Um uns alle.”, rutscht er doch in der zweiten Hälfte des Buches mehr und mehr in die Darstellung seines eigenen schillernden Werdeganges, aufgewachsen praktisch auf der Hamburger Reeperbahn und mehr als einmal mit beiden Beinen unterwegs auf dem Drahtseil zwischen legal, illegal, scheißegal, wo er aber immer wieder den Absprung schafft, bis er schließlich tatsächlich bei der Polizei landet - auf der richtigen Seite des Schreibtischs. Den letzten Kapiteln vorangestellt immer länger werdende und - sorry - schwafeligere Anekdoten seiner eigenen einigermaßen halbseidenen Vergangenheit, heldenhafte Geschichten von starken Jungs, großem Zusammenhalt und körperlichen Strapazen, bevor immer kürzer geschilderte Anrufe, nur knapp noch zum Thema passend, wiedergegeben werden.
Das Feeling, das am Anfang des Buches so stark rüberkam, verliert dadurch leider spürbar an Kraft. Es gerät zu einer Anhäufung skurriler Anrufe und noch skurrilerer Lösungsansätze, die Gutenrath den Anrufern nahebringt. Wohl nicht ohne Erfolg, wie es scheint, doch mimt er zum Schluss mehr und mehr den Selbstdarsteller und ein paar Mal schaute ich doch verwundert auf das Cover, ob ich jetzt versehentlich ein Buch von Domian erwischt habe oder tatsächlich Berichte von einer 110-Notruf(!)-Hotline.
Während bei Steel offensichtliche Fehlanrufe beim Notruf konsequent und knapp abgewiesen werden - zu Recht - belässt es Gutenrath zunächst bei dem Appell an die Leser (nicht die Anrufer!), dass dadurch wichtige Kapazitäten für echte Notfälle verlorengehen. Einen Mann, der offensichtlich entnervt wegen diverser Marotten seiner schwangeren Gattin den Polizeinotruf anruft, quatscht er aber offenbar mit Lust und Laune derart zu, gibt ihm Ratschläge für den richtigen Umgang mit Frauen im allgemeinen und schwangeren Frauen im besonderen, bis dieser (sic!) noch mehr entnervt durch den Polizisten den Hörer auf die Gabel knallt. Zum guten Schluss ergeht er sich dann auch noch in Überlegungen, dass das entstehende Baby wohl offenbar keinen guten Vater abbekommt respektive ohne einen solchen aufwachsen wird.
Die letzten Seiten des Buches wirken dann auch beinahe konsequent ein wenig richtungslos, ein Gefühl, das ich selbst kenne, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist, einem der Erzählstoff ausgeht, aber man den Abschied (noch) nicht wagt. Eine vorsichtige Andeutung von - wiederholtem - beruflichen Ärger, Disziplinarverfahren - Selbstdarstellung Gutenrath.
Mein Fazit:
Durchaus ein lesenswertes Buch. “Authentische Geschichten” darf man wörtlich nehmen. Der Autor erzählt, wie ihm der Hamburger Schnabel gewachsen ist, und trifft dabei auf Anrufer, bei denen er genau dadurch erfolgreich ist. Ob man das ganze allerdings als wirklichkeitsgetreuen Bericht aus deiner Notrufzentrale verstehen sollte oder als Bericht eines besonderen Menschen, eines Originals, der dort arbeitet und seine spezielle Herangehensweise schildert, lasse ich mal offen. Spannend ist es auf jeden Fall.
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© Buchbesprechung 2012 Claudia Leweke
Der Beobachter
Charlotte Link
Ein Roman in gewohnt gutem Schreibstil. Er verspricht recht angenehme Unterhaltung, wie man sie von Charlotte Link gewohnt ist. Sie versteht es, dem Leser einen Blick in die (Un-) Tiefen ihrer Hauptfiguren zu gestatten, so dass man gerne dranbleibt bis zum Schluss.
Dennoch werden dem geübten Krimileser im Laufe der Lektüre so einige Klischees begegnen und die Richtung, die das Buch bald nimmt, zeichnet sich ab:
Der einsame Sonderling, der den ganzen Tag spazierengeht und Leute beobachtet und sich dadurch verdächtig macht.
Das Hauptopfer, das aus lauter Langeweile in der Ehe die erste Gelegenheit zum Fremdgehen ergreift und dadurch ins Visier eines irren Mörders gerät, der alle tötet, nur nicht sie, obwohl sie angeblich sein eigentliches Ziel sein soll.
Der Held, ein Ex-Polizist, dessen Karriere nach einem ungerechtfertigten Vergewaltigungsvorwurf einen Bruch erlebt hat. Nun nimmt er aus Liebe zum verfolgten Opfer persönlich die Ermittlungen auf und gerät auch gleich selbst in die Schusslinie des ihn hassenden ehemaligen Kollegen und Ermittlers, weil er den einsamen Wolf markiert und auch noch heimlich in ihn verliebte Ex-Kolleginnen für seine Zwecke einspannt, welche ihn ihrerseits natürlich sogleich aus alter unerfüllter Liebe bereitwillig in die Ermittlungsergebnisse einweihen.
Und natürlich nicht zu vergessen die Staatsanwältin, die sich aus ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet hat und deren Vergangenheit als Opfer sie zu ganz eigenwilligen Sichtweisen treibt.
So ist leider früh klar, wohin die Reise geht, wer es (nicht) war, wer welche Rolle spielt und das letzte Drittel ist nur noch ein Katz-und-Maus-Spiel, dessen glückliches Ende natürlich auch vorhersehbar bleibt. Eine kleine überraschende Wendung zum Schluss wäre nett gewesen, aber leider...
Fazit:
Ein solide aufgebauter Psycho-Krimi mit konventionellen Strukturen für zwischendurch. Große Überraschungen sind nicht zu erwarten, dennoch bietet der psychologische Aufbau der Figuren recht gute Unterhaltung.
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© Buchbesprechung 2012 Claudia Leweke
Schwarzer Schwan
Horst Eckert
Der Schwarze Schwan ist das erste Buch, das ich von Horst Eckert gelesen habe, und gleich ein hochpolitisches Werk. Eigentlich nicht so sehr meine Präferenz, daher möchte ich mich hier auf ein paar eigene Eindrücke beschränken. Eine wirklich ausführliche Rezension kann man bei der Krimi-Couch finden und es scheint mir nicht sinnvoll, hier noch einmal alles aufzuzählen.
Dennoch möchte ich nicht auf eine eigene Buchbesprechung verzichten, da mich das Buch sehr beeindruckt hat, sowohl sprachlich als auch vom Aufbau her. Die Fäden wurden geschickt geknüpft und zusammengeführt und es machte einfach Spaß, in diese Welt aus Macht, Geld und kaum verhohlener Kriminalität einzutauchen. Erschreckend, wenn man sich die Dimensionen einer Geschichte vor Augen führt, deren Vorbilder ja nur rudimentär verfremdet wurden. Der Hertener Stadtspiegel titelte am 22. November dazu, Horst Eckert wolle wohl verklagt werden. Nun, das Risiko scheint er auf jeden Fall zu lieben, auch wenn er den Klagewunsch vehement bestreitet. ![]()
Angenehm fällt auf, dass Eckert sehr genau recherchiert hat und weiß, worüber er schreibt. Und er schafft etwas, das eher selten ist, nämlich die Hintergründe der Finanzkrise und das politische Macht- und Ränkelspiel um Geld, Einfluss und Posten auch Lesern nahezubringen, die nicht so sehr mit den Geschehen vertraut sind. Köstlich die Szene mit “Mutti”, in welcher der Leser sich plastisch die Kanzlerin vorstellen kann, als säße er mit am Tisch, wenn sie um Posten und Bedingungen schachtert und dabei nonchalant ihre Karten bedeckt hält. Man könnte sie wirklich unterschätzen auf den ersten flüchtigen Blick, doch Mutti weiß genau, was sie will und wie sie es erreicht. Unbedingt lesenswert.
Der einzige Punkt, der mich ein wenig enttäuscht hat, waren die etwas zu blass geratenen Nebenhandlungen, so der Fall der entführten Leonie, der mir zu kurz kam inclusive der Auflösung des Falles. Ich lese ja sehr gerne Krimis, da hätten mich die Hintergründe dieses Falles interessiert. So war es nur eine mit eingeflochtene Nebenhandlung, die wohl eher der gründlicheren Einführung der Investmentbankerin Hanna Kaul und der Haupthandlung diente. Dasselbe leider mit den beiden Studenten Lilly und Patrick, die ihr Leben zwischen unbezahlten Praktika durch heikle Aktionen zu finanzieren versuchen, was gründlich - und für Patrick final - schiefläuft. Eine Handlung, die mehr Raum verdient hätte.
Insgesamt mein Eindruck: Auch für politische Laien ein durchaus spannendes und bereicherndes Werk, unbedingte Leseempfehlung. Es war nicht das letzte Buch, das ich von Horst Eckert lesen werde! ![]()
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© Buchbesprechung 2011 Claudia Leweke
Bei Totschlag drücken Sie die #-Taste
Kurioses aus der Polizeinotrufzentrale
Steel
Ich hatte mich sehr gefreut, im VS-Geheim-Blog zu lesen, dass es nun ein Buch zum Blog gibt, und habe es spontan gekauft. Schon seit einigen Jahren verfolge ich die meist skurrilen kleinen Anekdoten aus dem Alltag eines Polizeibeamten in einer Notrufzentrale. Es ist doch immer wieder erstaunlich, was so alles im Gespräch schiefgehen kann und weswegen die Menschen den Notruf wählen.
Das Buch hält das, was der Blog verspricht: Kurzweilige Unterhaltung, manchmal mit ernstem Hintergrund, oft aber mit einem spürbaren Augenzwinkern des Autoren, dessen witzige Dialogbeschreibung das ganze noch einmal reizvoller macht. Er spult nicht einfach 1:1 eine Unterhaltung ab, sondern gibt auch immer ein wenig die Atmosphäre zwischen den Zeilen wieder und man kann sich lebhaft den Blick des Polizeibeamten vorstellen, der einmal mehr in die Abgründe menschlichen Telefonierverhaltens blicken musste.
Kleiner Wermutstropfen: Das Buch enthält keinerlei Geschichten, die langjährige Leser nicht schon aus dem Blog kennen. Daher ist das Büchlein entweder für neu hinzugekommene Blogleser interessant (mit einem Buch in der Hand auf dem Sofa ist es doch gemütlicher, als ein Weblog durchzuklicken!) oder auch als Geschenk für Menschen, die sich nicht im Internet tummeln. Oder aber für E-Mail- und Internet-Ausdrucker. ![]()
Wer sich beeilt, kann damit zu Weihnachten noch ein nettes kleines Mitbringsel überreichen, das bestimmt gut ankommt. Mir hat es auf jeden Fall viel Spaß gemacht, alles nochmal im ganzen zu lesen und ich wünsche dem Büchlein viel Erfolg! ![]()
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© Buchbesprechung 2011 Claudia Leweke
Sorry
Zoran Drvenkar
Schwierig, muss ich zugeben, hier eine adäquate Buchrezension zu schreiben und nicht nur einen gnadenlosen Verriss, denn Sorry ist ein Buch, das mich sehr neugierig gemacht hat, mich aber mit jeder weiteren Seite nicht gefesselt sondern eher gequält hat und mich ratlos, enttäuscht - und ja - böse - zurückließ.
Vorab, die Idee hat etwas witziges. Eine Agentur, gegründet von jungen Leuten, die sich gegen Honorar im Namen anderer Menschen entschuldigt, die nicht den Mut haben, es selbst zu tun. Dass es nicht nur bei den anfänglichen Standard-Aufträgen wie entlassenen Angestellten und enttäuschten Beziehungen bleiben würde, war klar, sonst wäre die Geschichte schnell abgehandelt und langweilig. Und was dieses Buch definitv nicht ist, ist langweilig. Eher im Gegenteil - leider! Denn der zugrundeliegende Plot eines Jungen, der jahrelang von Pädophilen missbraucht und dann mit seinem Älterwerden von diesen fallengelassen wurde, wird in diesem Buch gnadenlos vergeigt, ja wirkliche Opfer sogar verhöhnt, indem man ihre Qualen erst so eingängig schildert wie Drvenkar es schafft, ihnen danach aber eine solch absurde Entwicklung zuschreibt. Dieses Thema in Verbindung mit der erdachten Agentur hätte eine Menge Potential geboten für einen guten und wirklich außergewöhnlichen Thriller, denn der Schreibstil von Zoran Drvenkar ist wirklich sehr eingängig und prägnant. Da hätte Großes entstehen können.
Herausgekommen ist leider ein groteskes Werk, das zwischen Erzählperspektiven, Figuren und Zeiten hin- und herspringt wie ein Karnickel auf Speed. Der Leser ist oft damit beschäftigt, Figuren, Zeiten und Ereignisse zu sortieren und einzuorden, um den Überblick zu behalten (wer war nochmal... was war jetzt nochmal...), was einen Abstand zu dem Geschehen erzeugt, der dem Lesevergnügen nicht zuträglich ist. Die Erzählperspektive des Du, das den Leser in die Gedankenwelt des noch unbekannten Täters führen und eine Identifikation mit diesem herbeiführen soll, wird nicht konsequent gehalten sondern enthält auch immer wieder lange auktoriale Elemente, die da nicht hineingehören, die wieder die Szene nur objektiv schildern aus Sicht eines allwissenden Autoren. Die Erzählperspektiven und auch Zeiten wechseln ständig in ein Davor, Danach und weiß der Teufel noch wann und wer. Man fühlt sich wie jemand, dem etwas ins Kleinste hinein erklärt werden muss, weil er zu dumm ist, selbst seine Schlüsse zu ziehen. Vielleicht aber auch weil der Autor selbst nicht glaubt, was er da zusammenfabuliert hat und seine eigenen Motive begründet. Der Verdacht drängte sich mir einige Male auf.
Leider macht das auch das Ende des Buches aus. Während der Name des Täters früh bekannt ist, ist bis zum Schluss unklar, wer es wirklich ist, wer hinter diesem Namen steckt. Und die Überraschung, dass es nicht der ist, von dem man es glaubte, weicht der noch größeren Überraschung, dass für das ganze groteske und grausame Theater, das sich dort abspielt jemand verantwortlich ist, den es - bis auf ein vages Schuldgefühl aus Kindertagen - überhaupt nicht anfechten dürfte. Jemand, der sich anmaßt, nach Jahrzehnten am Rande des Geschehens stehend nun den großen Richter herauszukehren und Menschen grausam zu richten, der überhaupt keine Berechtigung zu haben scheint, irgendetwas wie größere Rachegedanken zu hegen, geschweige denn sie in solcher Weise auszuleben. Und so schluckt man schlussendlich auch noch an dem Brocken, dass die Agentur, deren Mitglieder zum Teil in der Geschichte umkommen, rein überhaupt nichts mit den Taten, dem Täter oder dem Grund des ganzen Zinnobers zu tun hat. Nein, der Täter wurde auf sie aufmerksam, weil er sich über die Anmaßung dieser jungen Menschen geärgert hat, im Namen anderer eine Entschuldigung auszusprechen. Er wollte es ihnen zeigen. Nun - das hat er, soviel kann ich verraten. Nur der einzige, der wirklich Grund gehabt hätte, so etwas wie Rachegedanken zu hegen, den focht das überhaupt nicht an und er hatte mit den ausufernden Geschehnissen - und ausufernd ist wirklich freundlich formuliert - nicht das Mindeste zu tun, denn er wurde selbst längst zum Mordopfer des Mannes.
Schade, Zoran Drvenkar. Autor und Buchidee sind mir sehr sympathisch, aber das Werk konnte meinen Geschmack nicht treffen. Wirklich traurig stimmt mich das in Bezug auf die letzte Seite des Buches, die Danksagung an helfende Personen. Diese Seite lässt erahnen, wie sehr sich der Autor selbst mit der Geschichte gequält hat, welche jahrelange Mühe darin steckte. Man hätte so unendlich viel daraus machen können und dieser Autor hätte das Potential dazu, ganz sicher!
Sorry! ![]()
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© Buchbesprechung 2011 Claudia Leweke
TotgeliebtTatsachenroman
Andreas Kläne
Der Fall klingt auf den ersten Blick absurd. Eine Frau Anfang 50 aus offenbar guten Verhältnissen taucht in einem kleinen Polizeirevier auf und gibt an, soeben ihren Mann erschossen zu haben. Der junge Polizist, den die Dame mit ihrem unerwarteten Geständnis überrumpelt, weiß dies zunächst nicht in sein Weltbild einzuordnen. “Frauen wie sie braucht ein Polizist nicht abzuführen. Sie kommen von sich aus auf die Wache, tragen ihr Anliegen vor und gehen wieder.”, so werden seine klischeehaften Gedanken in Bezug auf ihre äußere Erscheinung zitiert und er hat wohl einige Mühe, sein Erschrecken zu verbergen. Doch die Kollegen, die sofort zur angegebenen Wohnung eilen, können nur noch eins tun - bestätigen, dass der Mann tatsächlich erschossen wurde und alle Hilfe zu spät kommt.
Die Einleitung liest sich spannend und macht neugierig auf mehr. Wie kommt eine gut situierte Frau dazu, sich ihres Gatten auf diese Weise zu entledigen? Beide waren im Ort wohlbekannt, gut gelitten, anscheinend glücklich verheiratet, Kinder, Enkelkinder, alles perfekt. Warum also der Mord?
Nun, ich will es vorweg nehmen - so richtig eingängig ist mir ein wahres Motiv dieser Frau auch nach der Lektüre nicht geworden. Was auf die Anekdote im Polizeirevier folgt, sind knapp 300 Seiten Schilderung einer Beziehung vom Anfang bis zum tödlichen Sch(l)uss. Wäre dies ein fiktiver Roman, hätte es den Leser nur enttäuscht zurücklassen können bei all der Trivialität, die sich vor ihm Seite um Seite ausbreitete. Geschildert wird eine einst große Liebe, die sich aber an der Realität des Alltags und den Marotten der Liebenden zerreibt. Äußerlich die Fassade einer glücklichen Beziehung aufrecht erhaltend endet sie nach Jahrzehnten in einer bösen Trennung, während der von der einstigen Liebe keine Spur mehr bleibt und alles ins Gegenteil verkehrt scheint, woran die Frau einmal fest geglaubt hat. Eine Frau, die sich vollkommen selbst aufgegeben und nur durch ihren Mann und dessen Karriere gelebt hat, ja quasi nur aus seinem Erfolg und seinem guten Aussehen ihre Existenzberechtigung zog. Ein Mann, den das mehr und mehr störte und der sich eine selbständige, lebendige Frau wünschte - bis er ging, weil sie seine Wünsche nicht erfüllen konnte.
Wie gesagt, so weit so trivial. Wenn dies ein plausibles Mordmotiv darstellen und alles erklären könnte, müssten Deutschlands Häuser voll von erschossenen Ehepartnern sein. Erst zum Schluss in der Entwicklung der Trennungssituation kommt die (selbst-) zerstörerische Entwicklung der Frau ans Tageslicht. Durch Zufall gerät sie an die alte Waffe ihres Mannes, macht sich mit ihr vertraut, pflegt sie, um sich damit eigentlich selbst zu töten, um für sich einen Ausweg zu haben, etwas, das sie beruhigt, aber das sie nicht in die Tat umsetzt, weil sie noch Hoffnung hat.
Die Situation eskaliert, als ihr Mann sie nicht nur wegen einer anderen Frau verlassen sondern sie auch finanziell ausbooten will, sie demütigt und beschämt - sie, die doch immer alles um seiner Willen zurückgestellt hat. Ein geplanter Mord war dies sicher nicht, sondern eine Entwicklung, eine Eskalation und das fatale Vorhandensein der Schusswaffe. Und so lautet die Antwort nach dem Warum eigentlich ganz profan: Weil sie es konnte. Denn wäre die Schusswaffe nicht vorhanden gewesen, es hätte schlicht keinen Mord gegeben. Vielleicht einen Suizid der Frau, aber vermutlich nicht einmal das.
Den Abschluss des Buchs bildet ein Nachwort von Rolf Bossi, der sich darüber ergeht, dass Frauen im deutschen Rechtssystem härter bestraft würden als Männer, weil Richter überwiegend männlich seien. In diesem Fall wurde die Frau wegen vorsätzlichen und geplanten Mordes aus Heimtücke verurteilt. Das erscheint angesichts der Geschichte ungerechtfertigt, aber dass ich soweit mitgehen würde, dass Frauen grundsätzlich härter bestraft werden, kann ich nicht sagen.
Fazit:
Auf jeden Fall ein absolut lesenswertes Buch, das einen nachdenklich zurücklässt. Und bitte gut achtgeben, dass keine Waffen im Haus sind, wenn ihr euch mal wieder über eure Göttergatten ärgert, meine Damen.
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© Buchbesprechung 2011 Claudia Leweke


Lisbeth SalanderVerblendung - Verdammnis - Vergebung
Stieg Larsson
Buchbesprechung von 2010, übernommen von meiner Webseite
Diese Buchbesprechung handelt nicht so sehr von dem Inhalt der Bücher an sich sondern von der Hauptfigur der Bücher, Lisbeth Salander. Während des ersten Buches agiert sie absolut gnadenlos, unbarmherzig und konsequent und es kommt nur zwischen den Zeilen durch, warum sie so handeln muss, wie sie handelt. Man bekommt nur eine leise Ahnung davon, was ihr persönlicher Hintergrund sein könnte. Es wird vieles nur angedeutet. Dennoch schafft sie es, in ihrer Kompromisslosigkeit zu überzeugen und zu faszinieren.
In den beiden weiteren Büchern jedoch schlägt Larsson gnadenlos zu. Die ganz große, dicke Verschwörung bis hinauf in höchste schwedische Regierungskreise. Massen an Eingeweihten, Mitwissern, Mitschuldigen in einem Fall, der im Grunde auf einen einzigen russischen Spion zurückgeht, der sich vor vielen Jahren nach Schweden abgesetzt hat. Ein Mädchenhändlernetzwerk und einige einfach nur tumbe Berufskriminelle ohne jegliche eigene Motivation, die man für seine Zwecke aber prima einspannen kann, da äußerst willig und allzeit gewaltbereit, runden das Szenario ab und der Telefonbuch-Effekt schlägt gnadenlos zu. Hat man zwei bis drei Figuren eingeordnet, tauchen vier bis fünf weitere auf, die auch noch irgendwie dazugehören und einem der Figuren in irgendeinem Zusammenhang bekannt und natürlich hoch- respektive gemeingefährlich sind.
Ich möchte ehrlich sein. Hätte ich nicht im ersten Buch Lisbeth schon ein wenig kennengelernt und wäre neugierig geworden auf ihre Geschichte, ich hätte mir den Rest nicht bis zum Ende angetan. Die Weltverschwörungsnummer ist nicht mein Ding. Vermutlich denken Männer gerne kompliziert, aber die Geschichte, so man davon ausgeht, sie könnte sich so zugetragen haben, wäre vor allem eines: vollkommen überflüssig in ihrem Ausmaß und in ihren Auswirkungen. Wir erinnern uns: Ein einziger russischer... genau. Da fällt frau doch eine schnellere Lösung ein!
Zugute halten möchte ich Stieg Larsson, dass er diese Story wirklich sehr eingänglich und lesbar gestaltet hat. Was mir an der Geschichte selbst an Überzeugungskraft fehlt und manchen Figuren zuviel an Klischee anhaftet (allen voran der hehre als Single sich fröhlich durch die Weltgeschichte vögelnde Enthüllungsjournalist Mikael “Kalle” Blomquist, der es tatsächlich schafft, mit seinen Recherchen zwei Netzwerke von Kriminellen auszuheben und mit seinen darauf folgenden Enthüllungsbüchern die halbe schwedische Regierung aus den Angeln zu heben - jaaa klar doch) hat er bei Lisbeth wieder wettgemacht. Selten hat es eine Figur eines Buches geschafft, mich so sehr in ihren Bann zu ziehen, wie es Lisbeth Salander tat. Sie blieb sich bis zum Schluss treu und auch wenn sie es am Ende des dritten Buches schafft, ein wenig aufzutauen und andere Menschen an sich heranzulassen, zumindest näher als bisher, so wird dennoch ihre Zerrissenheit deutlich und ihre überzeugenden Gründe dafür.
Ich will versuchen, Lisbeth ein wenig zu beschreiben, ohne allzuviel von der Story zu verraten, um den Lesespaß nicht zu mindern. Sie stammt aus absolut kaputten Familienverhältnissen. Da sie mit ihren begrenzten Möglichkeiten als Kind scheitert, weil ihr entweder niemand glaubt oder sie niemand schützt, um - wir erinnern uns - den Russen zu verstecken und dessen Existenz geheimzuhalten - verschafft sie sich mit härteren Methoden Gehör, um ihr Ziel zu erreichen, in Frieden leben zu können. Endet dies während ihrer Kindheit noch in einem Fiasko, weil der Mordversuch an ihrem Peiniger misslingt und sie in der Psychiatrie kaltgestellt wird, so entwickelt sie später die Fähigkeit, als Computer-Hackerin Informationen über andere Menschen zu sammeln. Ein Job bei einer Security-Firma ist genau die Position, in der sie ihre Talente entfalten kann. Ihre Methoden setzt sie nicht immer sauber, aber immer konsequent auf der richtigen Seite ein.
Besonders faszinierte mich an Lisbeth, dass sie trotz aller Widrigkeiten niemals in der Opferrolle verharrte. Sie hat immer einen Weg gesucht - und gefunden - um sich zu wehren und das zu tun, was sie tun wollte. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und trotz aller Begrenzungen, die ihr durch andere auferlegt wurden, denen ihre pure Existenz im Weg war. Dies schaffte sie überwiegend alleine, denn Hilfe - das hat sie früh gelernt - hatte sie nicht zu erwarten. Wann immer sie sich jemandem anvertraute, wurde sie verraten und es ging ihr noch schlechter als vorher. Ihre einzigen wirklichen Verbündeten sind zwei Mitglieder des geheimen Hackerclubs, dem sie angehört. Diese Menschen kennt sie aber nur über das Netz, nicht persönlich, und so stiefelt diese kleine, zierliche Frau ziemlich alleine durch das Leben und schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes durch. Andere Menschen lässt sie nur widerwillig in ihre Nähe und kommt ihr jemand - wie zum Beispiel Mikael - auf persönlicher Ebene zu nahe, wehrt sie diese schroff ab.
Sie schafft es tatsächlich, mit ihren begrenzten Möglichkeiten ihre Feinde zu stoppen und sich soweit vom Hals zu halten, um selbst ein ruhiges Leben führen zu können. Im Grunde geht es Lisbeth während der ganzen Geschichte um nichts anderes. Ihr wurde die Geschäftsfähigkeit aberkannt und sie hatte nur die Wahl, das was sie tun wollte und auch konnte - denn sie ist keineswegs unzurechnungsfähig - unerkannt auszuüben. So spielt sie vordergründig das üble Spiel mit, erstattet ihrem Betreuer Bericht über ihr Leben - zumindest über den offiziellen Teil - und betreibt “Konsequenzanalyse”, wie sie das nennt. Denn Lisbeth hat früh gelernt, dass alles, was sie tut, Konsequenzen hat - zumeist negative Konsequenzen für ihr weiteres Leben - und diese analysiert sie stets unbestechlich. Nun ja, die Lösungen, auf die sie dabei kommt, sind nicht wirklich immer als astrein zu bezeichnen, aber sie sind zumindest immer eines: konsequent.
Als ihr erster Betreuer, der sich wirklich um sie bemühte, einen Schlaganfall erleidet und der Nachfolger seine Machtposition in übelster Weise ausnutzt, beginnt Lisbeth zurückzuschlagen. Aus ihrer Deckungsposition - offiziell ist sie noch immer geschäftsunfähig und übt angeblich auch nur einen Hilfsjob aus - beginnt sie, sich zu wehren. Sie schafft es zunächst, sich ihren Betreuer vom Hals zu halten, indem sie einen Übergriff heimlich mitfilmt und ihm später in wehrloser Position sehr deutlich macht, dass er die Finger von ihr zu lassen hat. Von nun an lebt sie zunächst einmal wieder unbehelligt und kann sich ihrem eigenen Leben widmen. Doch das geht natürlich nicht lange gut, wäre ja auch langweilig. Sie hat noch immer ein paar alte Rechnungen offen und die Zeit drängt immer mehr, diese Rechnungen einzulösen, bevor die Gefahr für sie wieder zu groß wird.
Als sich später die Ereignisse überschlagen und sie bei einem weiteren Mordversuch an ihrem Peiniger mit einer schweren Schussverletzung im Krankenhaus und später in Untersuchungshaft landet, wird auch Lisbeth klar, dass sie Hilfe braucht. Nur widerwillig lässt sie zu, dass Mikael Blomquist und andere für sie kämpfen, die trotz aller Abweisung durch sie unverbrüchlich auf ihrer Seite stehen. Sie ist absolut kampfunfähig und hat keine andere Wahl. Erst spät wird ihr klar - Konsequenzanalyse - dass sie nicht alleine auf der Welt steht und nicht alles im Alleingang schaffen kann. Nicht aus der Position, in der sie sich befindet - verhaftet, unter Mordverdacht, entmündigt und für psychotisch erklärt. Und so lässt sie erstmals wirklich Hilfe zu und entwickelt sich - vorsichtig, aber bestimmt - in die richtige Richtung weiter. Bisher hatte sie keine Freundschaft erlebt und auch keinen Grund, an solche zu glauben. Nun erlebt sie, was Freundschaft bedeuten kann und dass nicht alles einen Eingriff in ihre Privatsphäre bedeutet, was anfangs danach aussieht. Ein schönes Ende für diese Geschichte.
Mein persönliches Fazit:
Vollkommen überzogener Grundplot mit weitläufigen Verschwörungstheorien (wer’s mag...), aber absolut lesenswerte Entwicklungsgeschichte der Lisbeth Salander
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© Buchbesprechung 2010 Claudia Leweke
Falsche Fährten
Kriminalirrtümer und ihre Folgen
Stephan Harbort
Buchbesprechung von 2011, übernommen von meiner Webseite
Der Untertitel des Buches verrät es schon: Stephan Harbort hat diesmal sein gewohntes Terrain der Serienmorde verlassen und schildert Todesfälle unterschiedlichster Art, deren Aufklärung und überraschende Wendung, nachdem schon alles klar schien. Doch den versierten Leser führt er nicht auf die falsche Fährte, oh nein! Noch immer steckt in jeder Seite der Harbort, wie wir ihn kennen: Empathisch, eloquent und äußerst eingänglich schildert er Geschichten und die Geschichten dahinter, tragische Ereignisse, beinahe schon komische, oder einfach nur traurige, aber stets aufwühlende, denn es verbergen sich nun einmal menschliche Schicksale hinter den Ereignissen und keine nüchternen Kriminalstatistiken. Und so sind es auch die scheinbar glasklaren Fälle, die sich später als etwas ganz anderes herausstellen. Suizide, die keine waren, scheinbar tragische Krankheitsereignisse, die doch Tötungsverbrechen waren oder sogar ein gestandener und vom Täter ausführlich geschilderter Mord, dessen vermeintliches Opfer quicklebendig auftaucht. Vorgetäusche Verbrechen, sexuelle Verirrungen und Zeugen, die helfen wollen und doch keine Hilfe sind, Mörder, die am Ende nur zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie irgendwann über ihre Taten reden (müssen).
Und dennoch bleibt hin und wieder noch immer ein Rest Zweifel übrig. War es vielleicht doch noch ganz anders? Haben wir vorschnell (ver-) urteilt, weil wir uns täuschen ließen? Haben wir Milde und Mitleid walten lassen, wo ein gemeiner Verbrecher sein Unwesen treibt, der bald schon wieder zuschlagen könnte? Haben wir jemanden eingesperrt, der unschuldig ist?
Wer sich wie ich oft durch die Kommentare diverser Zeitungsartikel über Verbrechen und Gerichtsverfahren liest, der wünscht sich gerade bei solchen Geschichten wie in diesem Buch noch mehr Erkenntnis in die einfach gestrickten Meinungsbilder der Stammtischhelden: Seht hinter die Fassade, macht eure Augen auf und denkt nach. Vielleicht war es ja nicht so einfach, wie man es sich zurechtlegt. Und auch Liebhabern komplizierter und verwickelter Kriminalgeschichten bleibt die Lektüre noch lange im Gedächtnis haften. Denn es handelt sich nicht um fiktive Geschichten sondern um reale Erlebnisse, und im Zweifel um Menschen wie du und ich.
Fazit:
Gelungenes Werk, interessante Lektüre und viel zum Nachdenken.
Und wie immer gnadenlos gut geschrieben, man ist sofort mitten drin im Geschehen.
Webseite von Stephan Harbort
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© Buchbesprechung 2011 Claudia Leweke
3096 TageNatascha Kampusch
Buchbesprechung von 2010, übernommen von meiner Webseite
Die Geschichte von Natascha Kampusch ist aus unzähligen Medienberichten wohl den meisten Menschen präsent. Im August 2006 tauchte im niederösterreichischen Strasshof unvermittelt eine abgemagerte junge Frau auf und behauptete, sie sei Natascha Kampusch, die acht Jahre zuvor als zehnjähriges Kind spurlos verschwunden war. Seit 1998 hatte man nichts von ihr gehört und die meisten hielten sie wohl längst für tot.
In dem Buch schildert sie das Martyrium ihrer Gefangenschaft von Anfang bis zum Ende. Schritt für Schritt fühlt man mit ihr, erlebt das tägliche Wechselbad ihrer Gefühle, liest schwarz auf weiß in immer beklemmenderen Szenen die Gewalt, die Verletzungen, die Demütigungen, die ihr angetan wurden. Protokollartig beschreibt sie Verletzungsmuster, die sie erlitt, Schläge und Tritte, die ihr der Täter zufügte, seelische Qualen, die er ihr bereitete, sowie die vollkommene Deprivation, der sie ausgesetzt war.
Sie war acht lange Jahre gefangen. Als zehnjähriges Kind entführt, eingesperrt in ein winziges, muffiges und von Schimmel befallenes Kellerverlies, das wie ein Tresor gesichert und absolut ausbruchsicher war. Existentiell abhängig von einem Mann, der jederzeit beschließen konnte, sie dort unten verhungern und sterben zu lassen, der ihr anfangs noch einige Wünsche erfüllte, die sie äußerte, sie später aber mehr und mehr misshandelte, schlug, ihre Essensrationen einteilte, ihr immer weniger gab, bis sie an die Grenze des Hungertodes geriet. Er ließ sie für sich arbeiten, putzen, renovieren und kontrollierte jeden ihrer Schritte. Mit der perfiden Behauptung, das Haus sei vermint und jeder, den sie um Hilfe bitten würde, würde sterben, hielt er sie unter Kontrolle und verstärkte seine Macht über sie.
Und es ging um nichts anderes als Macht. Prikopil zog die Grenzen, innerhalb derer sie sich bewegen und existieren konnte. Doch nichts an diesen Grenzen war auch nur annähernd kontrollier- oder berechenbar. Von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde oder auch von Minute zu Minute konnte seine Stimmung kippen, er auf sie einschlagen, sie verletzen, sie ohne Licht und Essen tage- und nächtelang in vollkommener Isolation einsperren. In dieser Abhängigkeit verharrte sie acht Jahre ihres Lebens ohne Chance, etwas zu verändern, wuchs heran, wurde von einem Kind zu einer jungen Frau.
Wäre irgendwann dem Mann draußen etwas zugestoßen, sie wäre in ihrem Verlies elendig verhungert. Hätte er irgendwann beschlossen, sich ihrer zu entledigen - er hätte schlicht nicht mehr wiederzukommen brauchen. Der Keller war nahezu unauffindbar, schalldicht gesichert und niemand wusste von Nataschas Existenz dort unten. Nicht einmal die Mutter des Täters, die jedes Wochenende oben im Wohnhaus zu Besuch war und dort für ihn putzte, kochte und wusch, ahnte, was im Keller vor sich ging. Priklopil verbrachte die Wochenenden als braver Sohn oben mit Mutter, während Natascha sich selbst überlassen blieb.
Auch Natascha wurde in späteren Jahren dazu gezwungen, oben zu putzen. Doch nicht ein Haar, nicht eine Hautschuppe von ihr durften übrig bleiben. Er spülte die Abflüsse mit Säurereinigern nach, um auch die letzten Spuren von ihr zu beseitigen. Niemand durfte von ihrer Existenz erfahren. Sie war sein Opfer, er hatte sie geformt, sie gehörte allein ihm. Zum Schluss ließ er ihr nicht einmal mehr ihren eigenen Namen, aus Natascha wurde Bibiana und das Kind von einst verschwand zusehens.
Aber da war auch eine Person, die sich nicht unterkriegen ließ, die sich zum Ziel gesetzt hatte - schon lange vor ihrer Entführung in einem unglücklichen Leben in einem desolaten Elternhaus - mit achtzehn Jahren auf eigenen Beinen zu stehen, von niemandem mehr abhängig zu sein. Aus diesem Elternhaus war sie nach einem Streit mit ihrer Mutter damals grußlos nach draußen gegangen und in die Hände ihres Entführers geraten, in eine Abhängigkeit, deren Ausmaß sie sich nicht vorzustellen vermochte.
Acht Jahre später wußte sie, dass aus dieser Geschichte nur einer von beiden lebend herauskommen konnte. Als sie sich zur Flucht entschied, die letzten Kräfte ihres ausgezehrten Körpers mobilisierte und einen winzigen Moment der Unachtsamkeit des Täters ausnutzte, war ihr und auch sein Schicksal besiegelt. Sie war frei - Wolfgang Priklopil nahm sich noch am selben Abend das Leben, er warf sich vor einen Zug.
Dieses Buch ist hart. Nicht so sehr, weil es ein unfassbares Verbrechen detailliert schildert, sondern weil es dies aus der Sicht einer starken Frau tut, die jahrelang Opfer war und sich selbst befreien musste, weil schon längst niemand mehr nach ihr suchte. Doch sie lehnte die Opferrolle ab und kehrte in ein Leben zurück, das nun unter vollkommen anderen Vorzeichen stand als noch bei ihrer Entführung. Sie war nicht mehr das kleine, unsichere, dickliche Kind, das 1998 entführt wurde. Sie war eine junge Frau, die trotz aller Gräueltaten eines verwirrten Mannes nicht in ihrem Willen zerbrochen war, zu leben, zu überleben. Sie hat zu einer Stärke gefunden, die sicher nicht viele Menschen nach solchen Erlebnissen haben.
In einer sachlichen, oft psychologisierend und distanziert anmutenden Sprache erzählt sie von ihren Erlebnissen. Das Buch ist durchdrungen von Erklärungsversuchen für ihr eigenes und das Verhalten des Täter. Fast greifbar ihr Versuch, zu verstehen, warum Priklopil ihr das antat, warum sie sein Opfer wurde, aber auch die tiefe Abwehr gegen den Begriff “Stockholm-Syndrom”, der eine Solidarisierung mit dem Täter nahelegt, die sie nicht empfand. Es geht ihr um Verstehenwollen, nicht um Nähe und Einverständnis. Und es scheint ein Faktum, dass Priklopil in ihrem Leben sehr wichtig war. Er war der einzige Mensch, den sie in den acht Jahren ihrer Gefangenschaft zu sehen bekam. Von ihm hing definitiv ihr Leben ab, von seinen Entscheidungen, seinem guten Willen, letztlich seiner Existenz. Definitiv kein Grund für Natascha Kampusch, dies in einen Begriff zu packen, der sie erneut in eine Opferrolle drängt, ihr einen Stempel von etwas Krankhaftem aufdrückt
Nur selten nennt sie in dem Buch ihren Peiniger beim Namen. “Der Täter” ist der einzige Begriff, den sie ihm zugesteht und damit zieht sie letztlich unmissverständlich die Grenze zwischen ihm und ihr. Sie war seinem Willen ausgeliefert, es war seine Tat, mit der sie niemals einverstanden war. Letzteres muss sie eindeutig klarstellen, verhielt sie sich doch nach ihrer Selbstbefreiung nicht so, wie man es von einem anständigen Opfer erwartet. Da kommt eine junge Frau praktisch aus dem Nichts, tritt selbstsicher vor Kameras, gibt bezahlte Interviews, berichtet, was ihr zugestoßen ist, vermarktet geschickt das ihr angetane Leid, anstatt sich schamvoll und gebrochen elendig zu verkriechen und womöglich mit falschem Namen heimlich unterzutauchen, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Ein Buch des Täters hätte man ohne zu zögern akzeptiert, das eines Opfers scheint suspekt. Ein Opfer hat gebrochen zu sein und schamvoll zu schweigen und dann rasch von der Bildfläche zu verschwinden.
Da wird über sie berichtet als einer Frau, die vielleicht sogar mit dem Mann eine Art Beziehung unterhielt, mit ihm ja sogar in Skiurlaub gefahren sei, zahlreiche Möglichkeiten zur Flucht ungenutzt verstreichen ließ. Da kann es ja gar nicht anders sein, als dass sie einverstanden war, so implizieren solcherlei Artikel. Oder “wohlwollendere” Berichte, in denen von einem Sexmonster die Rede war, welches ein kleines unschuldiges Kind jahrelang missbrauchte, obwohl dafür nie ein Beweis erbracht wurde oder sie dies irgendwann berichtet hätte. All dies kippte die Presse 2006 und später genüsslich über ihr aus, ihr, dem Opfer, das sich so gar nicht in die Opferrolle pressen ließ. Und je offensiver sie mit ihrem Schicksal umging, desto misstrauischer und abweisender begegnete man ihr.
Ich selbst habe anfangs die Presseberichte noch interessiert verfolgt, doch irgendwann abgebrochen. Einzig ein Bericht von ihr selbst konnte geeignet sein, zu sehen was sie gesehen hatte, zu fühlen was sie fühlen musste, ihre Hilflosigkeit zu spüren und das “Warum” zu ergründen.
Dieses Buch liegt jetzt vor und ich kann es allen empfehlen, die einmal hinter die Fassade dieses Verbrechens jenseits reißerischer Sensationspresseberichte sehen möchten.
Ich wünsche Natascha Kampusch, dass sie ihre Ziele verwirklichen kann und es ihr gelingt, ein Leben abseitig dieser furchtbaren Ereignisse zu finden. Das Erlebnis wird sicher immer Teil ihrer Vergangenheit sein - doch möge es nicht ihre Zukunft bestimmen!
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© Buchbesprechung 2010 Claudia Leweke
100 Prozent totDas Phantom vom Grunewald
Stephan Harbort
Buchbesprechung von 2010, übernommen von meiner Webseite
“Am 21. Juni 1982 nimmt die Berliner Kripo in den frühen Morgenstunden den 24jährigen Mann fest. Er soll tags zuvor eine Schülerin vergewaltigt und unsäglich gequält haben. Doch was Günther Jacoby den Kriminalbeamten in den folgenden Tagen erzählt, verschlägt ihnen die Sprache. Der verheiratete Maurer gesteht ungerührt eine ganze Serie von Foltermorden an jungen Frauen. Die ”Phantomjagd“ ist endlich zu Ende. Berlins Bevölkerung atmet auf. Die Presse brandmarkt den Täter als Deutschlands unheimlichsten Frauenmörder”
“Deutschlands unheimlichster Frauenmörder” - was hat man / frau sich darunter vorzustellen? Ein haariges Monster? Eine hakennasige Bestie? Ein finsteres Ungeheuer aus schrecklichen Albträumen, aus denen man bisher zum Glück immer wieder unbeschadet erwachte? Oder noch grausamer, weil sehr viel unberechenbarer: Ein Mensch wie du und ich mit nur einem kleinen Fehler in der Biographie, der unaufhaltsam auf den Abgrund zusteuerte und Tag für Tag ein Stückchen mehr aus der Gesellschaft herausfiel.
Wie gerät ein Mensch, dessen Leben ja genau wie jedes andere einmal als unschuldiger Säugling begann, auf diesen Weg? Wie wird jemand zu einem Sadisten, Mörder, Folterer, der zu keinerlei Mitleid und Empathie fähig scheint? Und wie kann so jemand unerkannt mitten unter uns leben und doch nur durch einen dummen Zufall enttarnt werden?
Harbort geht diesen Fragen in dem vorliegenden Buch nach. In Vernehmungsprotokollen, Akten und nicht zuletzt vielen Gesprächen mit dem Täter selbst spürt er den Ereignissen nach. Stück für Stück entfaltet sich eine Lebensgeschichte, wird eine ungute Laufbahn erkennbar, ungenutzte Chancen, eine Außenseiterexistenz wie aus dem Lehrbuch.
Eine Begründung, Rechtfertigung, Entschuldigung? Mitnichten! Die Taten des “Phantoms vom Grunewald” sind an Brutalität kaum zu überbieten. Auch Harbort lässt keinen Zweifel daran und dieses Buch ist sicher sehr weit jenseits jeglicher Thriller-Atmosphäre, wo man genüsslich mit einer Tasse heißem Kakao am Kamin sitzt und sich gepflegt ein wenig zur Feierabendunterhaltung gruselt. Hier handelt es sich um einen echten Menschen, jemanden, der einem schon morgen selbst begegnen könnte und den man kaum als eine solche Bestie erkennen würde - bis es zu spät ist!
Die Entwicklung vom hoffnungsvollen Anfang bis zum bitteren Ende wird minutiös protokolliert und so manches Mal möchte man als Leser schnell weiterblättern, das Buch zuklappen und die Schilderungen nicht zu nah an sich heranlassen. Das Verstehenwollen, der Versuch, Unfassbares zu (be-) greifen war es schlussendlich, das mich doch bis zum Ende weiterlesen ließ.
Eine Rückschau des Täters und seine Versuche, das Unerklärbare verständlich zu machen, runden diese Fallschilderung ab. Dessen Worte sind wohlgewählt, abgeklärt und mit der spürbaren Distanz von mehreren Jahrzehnten zu seinen schrecklichen Verbrechen. Jahrzehnte, in denen er sicher untergebracht wurde und von Versuchungen ferngehalten wurde. Erklärungsversuche, die es dennoch nicht schaffen, hinter die letzte Hemmschwelle blicken zu lassen, die fallen muss, um zu tun, was er tat.
Und das ist auch gut so! So können wir uns auch morgen wieder angenehm gruseln und müssen nicht darauf achten, was in dem Außenseiter von nebenan so vorgeht, den wir immer verlachen und aus unserer Mitte vertreiben. Dann müssen wir nicht schauen, wo wir selbst Anteile an einer Entwicklung haben, die an so vielen Stellen sehr wahrscheinlich noch aufzuhalten gewesen wäre.
Angenehmen Feierabend!
Webseite von Stephan Harbort
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© Buchbesprechung 2010 Claudia Leweke

Dem Tod auf der SpurDer Totenleser
Michael Tsokos
Buchbesprechung von 2010, übernommen von meiner Webseite
Der alte und sehr bärtige Witz, dass der Pathologe zwar über gutes theoretisches und praktisches Wissen verfügt, aber dennoch grundsätzlich zu spät kommt, läuft hier ins Leere. Und zwar nicht nur wegen des gravierenden Unterschiedes zwischen Pathologe und Rechtsmediziner.
In diesen beiden Büchern werden Fälle aus dem Alltag eines Rechtsmediziners beschrieben. Der Leser bekommt einen tiefen Einblick in ein Metier, das nicht viel zu tun hat mit den Fällen des launigen Professor Boerne aus dem Münsteraner Tatort, der mit seiner skurrilen Art für manchen freiwilligen und unfreiwilligen Lacher sorgt. Hier geht es um echte Menschen, deren Todesursache geklärt werden muss. Menschen, die durch Gewalt, Krankheiten oder Unfälle zu Tode gekommen sind und an deren Tod vielleicht andere Schuld tragen. Oder auch Tote, deren Identität nicht bekannt ist.
Tsokos zeigt auf, wie es wirklich zugeht in der Rechtsmedizin. Erstaunlich entspannt, aber auch nichts für schwache Nerven, schildert er detailliert seine Fälle, seine Untersuchungen, seine Schlussfolgerungen.
Sehr angenehm ist, dass es einmal nicht um “berühmte” Todesfälle geht. Einzig der Fall der Rosa Luxemburg fällt in diese Kategorie. Die mumifizierte Leiche einer Frau, deren körperliche Merkmale mit der 1919 ermordeten Freiheitskämpferin übereinstimmen, liegt mit vielen anderen schaurigen Exponaten gemeinsam in den Kellergewölben der Berliner Rechtsmedizin. Tsokos versucht, der unbekannten Toten ihren vermuteten Namen beweissicher zurückzugeben, was bis dato noch nicht endgültig geglückt ist. Vieles spricht dafür, dass es sich tatsächlich um Rosa Luxemburg handelt, aber der definitive Beweis fehlt leider noch immer.
Viele andere Fälle des Buches kommen sehr viel alltäglicher daher. Todesfälle durch Mord, Totschlag, Suizid, Unfall oder schlichte Vernachlässigung werden untersucht und den Verstorbenen so zumindest zu einem Stück Gerechtigkeit verholfen. Oder auch den Angehörigen, wenn der Tötungsvorwurf im Raum steht und doch zweifelsfrei ein Unfall oder Suizid nachgewiesen konnte.
Insofern kommt der Rechtsmediziner definitiv nicht zu spät, sondern ist ein sehr sinnvolles Instrument der Rechtspflege. Dennoch wird auch hier wie so oft deutlich, was der Sparzwang im Gesundheitswesen anrichten kann. Denn so spannend und aufschlussreich die rechtsmedizinischen Untersuchungen auch sind - in viel zu wenigen Fällen werden sie überhaupt veranlasst. Und somit ist Mord und Totschlag Tür und Tor geöffnet, denn der wirklich perfekte Mord ist bekanntlich einer, der gar nicht erst als solcher erkannt wird. Ein Kreuzchen des wohlmeinenden Hausarztes bei “natürlicher Tod” und die Sache ist geritzt. Findet keine Einäscherung statt, schaut sich niemand mehr den Verstorbenen näher an. Eine grundsätzliche Leichenschau durch einen unabhängigen Rechtsmediziner könnte da sicher vieles aufdecken. Aber das kostet und für einen Toten gibt man das knappe Geld nicht her. Ist eh zu spät…
Nichts desto trotz sind diese Bücher eine wahre Fundgrube an Informationen auch und vor allem für Krimiautoren oder einfach nur neugierige Menschen, die etwas mehr wissen wollen, als der Tatort am Abend zeigt.
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© Buchbesprechung 2010 Claudia Leweke
AbgründeWenn aus Menschen Mörder werden
Josef Wilfling
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Ich weiß nicht, ob es Zufälle gibt, aber zumindest schien es so, als mir dieses Buch bei Amazon als Empfehlung präsentiert wurde. Natürlich liegt es wohl eher daran, dass Amazon recht genau weiß, was ich so anklicke und kaufe, aber diese Empfehlung traf entgegen vieler anderer mitten ins Schwarze. Bücher über wahre Verbrechen lese ich allein aus Recherchegründen schon gerne, denn es ist für meine eigene Schreiberei äußerst interessant, wie die Wirklichkeit in der Polizeiarbeit und bei der Aufklärung von Verbrechen aussieht. Die Realität ist doch oft meilenweit von dem entfernt, was Fernsehen und Krimis gemeinhin darstellen.
Und ein starkes Stück Realität begegnet einem in diesem Buch!
Josef Wilfling war 42 Jahre lang im Polizeidienst tätig, davon 22 Jahre lang bei der Münchener Mordkommission. Authentisch und lebendig schildert der Vernehmungsspezialist Fälle aus seinem langen Berufsleben. Wie ein Kaleidoskop des Schreckens liest sich das, wovon er berichtet, thematisch geordnet nach den üblichen Mordmotiven. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Untiefen der menschlichen Seele. Und er klärt auch die spannende Frage: Töten Frauen anders bzw. aus anderen Motiven als Männer? (Jep, das tun sie.
Die Abgründe, die dieses Buch aufzeigt, sind tief, Menschen wurden aus Beweggründen zu Mördern, die nur schwer fassbar scheinen. Nichtig und banal einerseits, andererseits offenbar (be-) drängend genug, um das Leben eines anderen Menschen auszulöschen, oft genug obendrein auf sehr grausame Art und Weise. Erschreckend, wie schnell mancher bereit ist, über Leben und Tod zu entscheiden und so kommt auch Wilfling nicht an der Erkenntnis vorbei, dass eigentlich jeder zum Mörder werden kann.
Aufschlussreich ist nicht nur die polizeiliche Ermittlungsarbeit an sich sondern auch, wie Wilfling die Mörder schließlich in der Vernehmung soweit brachte, ihre grausamen Taten und - weitaus spannender - ihre Motive zu gestehen. Hier tauchen Aspekte der Polizeiarbeit auf, von denen die Öffentlichkeit meist nicht viel mitbekommt.
Auch spart der Autor nicht den Konflikt aus zwischen der Polizei und der Justiz und deren unterschiedliche Betrachtungsweise desselben Sachverhaltes. Frustration wird überdeutlich zwischen den Zeilen, wenn er schildert, wie ein überführter Mörder dennoch mit einer milden Strafe davonkommt und anschließend weitermacht, weil Persönlichkeitsanteile des Mörders zu hoch gewichtet wurden und damit das Leid der Opfer aus dem Blickwinkel geriet bzw. bei der Verurteilung des Täters keine Rolle spielte.
Auch wenn man den Seiten eines Buches den Dialekt des Autors eher selten entnehmen kann, so wird im vorliegenden Buch doch schnell deutlich: Hier erzählt ein Münchner. Sachlich und professionell zwar, aber zwischendrin blitzt doch die eine oder andere recht anschauliche Formulierung durch und er redet nicht um den heißen Brei herum, ohne allerdings derb oder plump zu wirken. Gekonnt!
Dieses Buch habe ich an zwei Nachmittagen durchgelesen und es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich es zur Hand nehme.
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© Buchbesprechung 2010 Claudia Leweke
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